DAS ERBE DER SCHNABELMENSCHEN

VON DEN MYTHISCHEN SCHÄTZEN DES DEFEREGGENTALES

 

 

 

 

 

Die Alten im Defreggertal wissen noch heute um die Legende der riesigen Schnabelmenschen,

welche einst am Hirschbühel bei St. Jakob und zwischen den gewaltigen Granitblöcken

westlich von Hopfgarten gehaust haben.

 

 

Geheimnisvolle Kreaturen waren sie, Beschützer des Tales seit Anbeginn der Zeit.

Mit ihren mächtigen, klappernden Schnäbeln schätzten sie es, Salzstücke zu verzehren.

Manchmal teilten sie mit den Einheimischen ihre kostbaren Salzsteine,

deren verborgene Fundstellen nur sie selbst kannten.

 

 

In diesen frühen Tagen stand das Tal durch die Anwesenheit der Schnabelmenschen unter deren Schutz und Segen.

Einem Glückstal gleich gediehen die Ernten, alles Vieh blieb gesund und gab reichlich Milch,

Unwetter zogen stets über die angrenzenden Berggipfel vorbei,

und die Einheimischen lebten in Eintracht und großer Zufriedenheit.

 

 

Allerdings war die Zuwendung der Schnabelmenschen seit jeher an eine Bedingung geknüpft:

Niemand durfte das Tal verlassen, und fremden Reisenden blieb es verwehrt.

Einem verschlossenen Paradies gleich lag es abgelegen

und bildete eine Welt im Kleinen, die für die ihren sorgte.

 

 

Eines Tages allerdings sammelte sich in einer Mulde oberhalb der Jagdhausalm eine Quelle.

Diese nahm die rundliche Form eines gar wunderbar anzusehenden „Pfauenauges“ an

und wurde aufgrund ihrer außergewöhnlichen Pracht ein mystischer Ort für die Einheimischen.

Freilich - zuerst galt es den wohlduftenden, vom sanften Bergwind durchstreiften Zirbenwald der Oberhausalm

zu durchqueren und anschließend freundliche Worte mit den pfeifenden „Murmelen“ (Murmeltieren) zu wechseln.

Als Lohn führten diese den behutsam Nahenden zu dem von Schilf gesäumten Kleinod tiefblauen Wassers.

Wie ein Brunnen der Träume ermunterte es die Schauenden im Ziehen der Wolken

auf seiner spiegelglatten Oberfläche ferne Kontinente und Länder zu erblicken.

 

 

Das Pfauenauge wurde zu einem Botschafter der Ferne,

dessen leise, süße Stimme das Fernweh in das Defereggental einsickern ließ.

Es dauerte nicht mehr lange, da regte sich unter den Jungen die Neugierde,

über das Tal hinauszuwandern und diese fremden Länder aufzusuchen.

 

 

Die Schnabelmenschen brachten aber all diese Versuche zum Scheitern.

Das dunkle Dickicht der Wälder nahm zu und gewaltige Steinschläge hinderten,

wie auf Geheiß, die Wagemutigen, das Tal zu verlassen.

Als sodann fleißige Männer im Trojeralmtal einen Stollen der Freiheit nach draußen schlagen wollten,

taten sich wertvolle Kupfer und Edelsteinfunde in den Höhlenwänden auf, um die Grabenden mit Gier zu bannen.

Doch die Schätze vermochten das Fernweh der Suchenden nicht lange zu bändigen,

und als sie ihre Grabungen weiter voran trieben, stürzten über Nacht alle Stollen

auf geheimnisvolle Weise in sich zusammen.

 

 

Es wird auch erzählt, dass einige besonders Verwegene in selbst gehauenen Einbäumen auf der wilden Schwarzach rudernd,

das Tal zu verlassen versuchten. Doch die erbosten Schnabelmenschen riefen dunkle Gewitterwolken herbei,

und der grollend anschwellende Fluss entriss polternd die ausgehöhlten Stämme ihren Besitzern

und trug sie fort mit den tobenden und reißenden Wassermassen ins Ungewisse.

So musste man die Schnabelmenschen wohl mit einer List dazu bringen, das Tal zu öffnen,

und ein gewitzter Bursche forderte sie zu einem frechen Wettkampf heraus.

 

 

Er behauptete, seinen Hut weiter werfen zu können als die Riesen die ihren.

So lange reizte er sie durch seine Prahlereien, dass die Riesen im Wettkampf ihre Hüte wie Wurfgeschoße Richtung Berge warfen. Dabei köpften aber einige der gewaltigen Kopfbedeckungen mit ihren scharfen Krempen verschiedene Berggipfel,

die vorher das Tal rundum abgeschotet hatten. Zu spät erkannten die Schnabelmenschen die Folgen ihrer herausgeforderten Tat. Heute noch erinnert unter anderen der so entstandene Staller Sattel an die damalige Befreiungslist des Defregger Burschen.

Viele der Einheimischen zogen nun über die neuen Gebirgssättel mit Schätzen und Tauschwaren hinaus.

Einige wenige verließen das Tal nur kurzfristig und wechselten als Schmuggler auf geheimen Pfaden

im Schatten der Nacht über Joch, Klamm und Törl hin und her.

 

 

Viele trieb es aber als wandernde, aufrechte Händler in die weite Welt

und dort wurden sie fortan mit ihren Sensen, Schleifsteinen, Uhren, Teppichen und auch Hüten in der Ferne bekannt.

Den Schutz und die Zuneigung der Schabelmenschen hatte man aber auf diese Weise verspielt.

Von einem Tag zum anderen waren sie entschwunden. Niemand konnte sagen, wohin sie sich zurückgezogen hatten.

Mit ihnen waren den Talbewohnern auch die wertvollen Salzsteine abhanden gekommen.

Der Preis für die Öffnung des Glückstales musste bezahlt werden mit harter Hände Arbeit

und einem unablässigen Ringen um das tägliche Brot gegen die Kräfte der Natur.

 

 

Die ausgezogenen Händler machten nach Jahren in der Fremde allerdings eine unerwartete Erfahrung.

Wann immer sie draußen in der Ferne in ein ruhiges Wasser oder in einen Spiegel schauten,

und darüber hinaus die Zeit vergaßen, meinten sie Umrisse und Gestalten des Defereggen aufleuchten zu sehen.

Glänzte anfangs noch die weite Welt wie ein Sonnen beschienenes Fenster am Horizont,

so tat es nun die verlassene Heimat ebenso.

Fernweh und Heimweh zugleich prägten den Charakter der aufrechten Pioniere,

als schlügen zwei Herzen in ihrer Brust.

 

 

Viele Jahrzehnte später brachte eine Gruppe von Heimkehrern einen besonderen Fund mit,

der in seinem Aussehen geheimnisvoll an die einstigen Herrscher des Tales erinnerte.

Es handelte sich um eine übergroße  „Schnabelflöte“, erstanden in einem fernen Kontinent,

deren Mundstück die reisenden Defregger sofort an die heimischen Schnabelmenschen erinnert hatte.

Niemand konnte dem seltsamen Instrument einen Ton entlocken,

und so verankerte man das Rohrinstrument als Erinnerungsgebilde stehend

in der Erde nahe dem Dorf St. Jakob.

 

 

Als nun aber das erste Mal kräftig Wind aufkam, gab die Schnabelflöte wundersame Töne von sich,

und eine uralte Melodie floss nun gleichsam vom Himmel durch die Flöte tiefer und tiefer in das Innere der Erde.

Da zeigten sich die Schnabelmenschen schemenhaft noch einmal den Einheimischen am besagten Ort.

Geehrt durch die ihnen zugedachte Flöte versöhnten sie sich mit den Menschen aus dem Tal und erklärten,

dass sie nun zurückkehrten in das große unterirdische Salzmeer, welches tief unter dem Defreggen versteckt liegt.

 

 

Als Zeichen der Verbundenheit und des Wohlwollens werden von nun an zahlreiche Quellen

aus unterschiedlichen Tiefen die Welten oberhalb und unterhalb der Erde verbinden.

Viele von ihnen sprudeln rein und glasklar entlang der Südflanke des Tales,

tiefere Quellen erinnern in ihren Gerüchen an das

Erdinnere der Scholle (Grünmoos Quelle und Schwefelbrunn‘).

 

 

Das kostbarste Wasser allerdings entspringt am Fuße der Schnabelflöte.

Dies ist wohl die wertvollste aller Quellen, so salzig und rein wie das Urmeer selbst, aus dem sie entspringt.

Ihr Wasser ist unendlich kostbar - bereits in einem Fingerhut davon

steckt ein Übermaß an reinigender und heilsamer Kraft -

so viel wie in Elfenwein und Himmelsbalsam selbst.

 

 

© Christian Stefaner 2008